Zeitungsartikel 13.2.2016 Zürichsee Zeitung

«Das innere Feuer muss brennen»

Der weit über die Region hinaus bekannte Kinderchor wird 40 Jahre alt. Je anspruchsvoller ein Stück, desto lieber üben es die Kinder. Ein Probenbesuch.
Text: Elvira Jäger

Die schwierigen Stellen singt Miguel Ryser besonders gern. «Die klingen immer so schön», sagt der 12-Jährige. Es ist Chorprobe im Kaltbrunner Kupfentreff. 14 Kinder sitzen im Halbkreis um den Flügel von Chorleiter Daniel Winiger herum. Sie üben die «Messe basse» für Frauenstimmen des französischen Komponisten Gabriel Fauré (1845–1924). Ein Werk, das man nicht alle Tage hört – vielleicht, weil es nicht ganz einfach zu singen ist. Die zwölf Mädchen und zwei Knaben zeigen, was sie draufhaben: «Sopran zwei einen Halbton tiefer, Sopran eins einen Halbton höher», ruft Winiger, und es klappt im ersten Anlauf. Die meisten Kinder singen ab Blatt, das haben sie in der Singschule gelernt. Die Jüngsten singen noch nach Gehör, lernen aber das Notenlesen mit der Zeit automatisch.

Je strenger, desto besser

Daniel Winiger, der den Kinderchor seit dessen Gründung leitet, hat den Ruf, streng und autoritär zu sein. Er selber bestreitet das nicht. Im Sport gelte es für einen Trainer als Auszeichnung, streng zu sein. «Je strenger, desto besser», sagt Winiger. «Wieso soll das in der Musik nicht auch so sein?» Ihm sei die Qualität des Chors das Wichtigste. «Ich würde eher aufhören, als die Qualität zu vernachlässigen.»

Die Kinder, die während der einstündigen Probe nicht ein einziges Mal schwatzen oder Blödsinn machen, sind des Lobes voll über ihren Dirigenten. Winiger sei «echt nett», sagt Miguel Ryser. Seine ältere Schwester Michèle schätzt an Winiger, «dass er uns Ziele setzt und das Beste aus uns herausholt». Er könne einen so richtig anstecken mit seiner Begeisterung. Ihr gefällt, dass der Chor anspruchsvolle Lieder singt, immer wieder Neues und auch Schwieriges lernt. Die Rysers aus Gommiswald sind eine richtige Kinderchor-Familie. Alle fünf Kinder sangen oder singen mit. Michèle ist inzwischen 20 und immer noch dabei.

Der Prophet im eigenen Land

Winigers Streben nach Qualität zahlt sich aus. Der Kinderchor Kaltbrunn geniesst einen ausgezeichneten Ruf, wird zu Konzerten und Tourneen eingeladen, musiziert mit berühmten Dirigenten und Instrumentalisten. «Kein Dorf in der Grösse von Kaltbrunn hat so einen Chor», sagt Winiger nicht ohne Stolz und bringt gleich noch einen Vergleich mit dem Sport: «Wir sind das, was Ambri im Eishockey ist.» Dass ihm dabei ein Stück weit die Rolle des Propheten zufällt, der im eigenen Land nicht allzu viel gilt – Winiger stellt es ohne Bitterkeit fest. Auch wenn er sich manchmal wünscht, dass ein paar Kaltbrunner mehr an die Konzerte des Kinderchors kämen. Immerhin trägt dieser den Namen des kleinen Dorfes weit ins Land hinaus. Winiger, der in Zürich aufgewachsen ist, startete vor 40 Jahren mit einem klaren Ziel: Er wollte beweisen, dass musikalische Qualität nicht nur in der Stadt möglich ist. «Man findet überall Menschen, die Freude an Musik haben.»

Auch mal so tun als ob

Das Agnus Dei aus der Fauré-Messe ist für heute Abend fertig geprobt. Bevor das Kyrie drankommt, müssen die Kinder Dreiklänge singen. «Schaut nicht so grimmig drein», ruft Daniel Winiger und lacht. Mühelos erreichen die Kinderstimmen das hohe C. Der Dirigent ist zufrieden und rät: «Wenn der oberste Ton nicht mehr kommt, einfach den Mund aufmachen und so tun als ob.» Auch nach vier Jahrzehnten ist Winiger die Freude an der Arbeit mit den Kindern noch nicht abhandengekommen. Das Schönste an seinem Beruf sei es, in der Singschule zu sehen, wie die Kleinsten ihre Stimmen entdeckten. Die Arbeit mit Kindern verlange nach einem inneren Feuer. Dass dieses in ihm immer noch lodert, ist nicht zu übersehen. Mit Handschlag und herzlichen Worten verabschiedet der Dirigent jedes Kind nach einer Stunde. Bis am Donnerstag, dann proben die einzelnen Stimmen getrennt. Wird das den Kindern nicht manchmal zu viel? Miguel Ryser schüttelt den Kopf. Im Gegenteil. Er freut sich schon auf das Singlager und die nächste Konzertreise. (Zürichsee-Zeitung)

40 Jahre Kinderchor Kaltbrunn

Auftritte mit den ganz Grossen

Der Kinderchor Kaltbrunn wird heuer 40 Jahre alt und ist damit einer der ältesten Kinderchöre in der Schweiz. Im Frühling 1976 wurde er gegründet, ein halbes Jahr nach der Musikschule, die damals noch Musikschule Gaster hiess. Die Musikschule stand unter der Leitung von Alphons von Aarburg, der Kinderchor wurde von Anfang an von Daniel Winiger geleitet. Winiger, inzwischen 58 Jahre alt, dirigiert den Chor bis heute. Er ist ausgebildeter Klavierlehrer und Chorleiter.

In den ersten Jahren bestand der Kinderchor aus 25 bis 30 Kindern. In den 1990er-Jahren waren es zeitweise 80 bis 90 Kinder, und es gab neben der Singschule für die Jüngsten noch einen Konzert- und einen Reisechor. Heute sind es wieder etwa gleich viele Kinder wie in den Anfangsjahren. Winiger sagt, er orientiere sich an der Qualität der besten Knaben- und Mädchenchöre in der Schweiz und verlange seinen Sängerinnen und Sängern einiges ab. Ihm gehe es nicht darum, mit einer möglichst grossen Mitgliederzahl auftrumpfen zu können.

Er bestreitet aber nicht, dass es schwieriger geworden ist, Kinder für den Chor zu begeistern. Das Freizeitangebot sei heute viel grösser als in den Anfangsjahren. Auch sei die Bereitschaft, sich voll und ganz einer Sache zu verschreiben und sich dementsprechend zu regelmässigem Proben zu verpflichten, kleiner als vor 30, 40 Jahren. Dafür bleiben die Sängerinnen und Sänger dem Chor heute vielfach länger treu. Nicht alle treten mit dem Ende der Schulzeit auch aus dem Kinderchor aus. Manche jungen Frauen bleiben, bis sie 18 oder 20 Jahre alt sind. Einzelne wechseln in die Kantorei St.?Georg, den Kirchenchor von Kaltbrunn, der ebenfalls von Daniel Winiger geleitet wird.

Seit 2011 ist der Kinderchor rechtlich selbstständig und nicht mehr der Musikschule Kaltbrunn angeschlossen. Die Gemeinde zahlt einen Unterstützungsbeitrag, das restliche Geld kommt dank Sponsoren, Gönnern und Auftritten zusammen. Präsident des Trägervereins ist Andreas Wicky, ein ehemaliges Mitglied. Der Kinderchor probt vor Konzerten zwei- bis dreimal pro Woche. 2016 stehen geistliche Werke des französischen Komponisten Gabriel Fauré im Mittelpunkt. Daneben wird der Chor an einem Musical zum 40-Jahr-Jubiläum der Musikschule Gommiswald mitwirken. 2017 will Winiger dann die 2. Sinfonie von Felix Mendelssohn aufführen, ein Werk, das sich an die 9. Sinfonie von Beethoven anlehnt.

Die 40-jährige Geschichte des Kinderchors ist reich an musikalischen Höhepunkten: Plattenaufnahmen mit dem berühmten Schweizer Harfenisten Andreas Vollenweider, Auftritte und Plattenaufnahmen mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester unter David Zinman, eine Tournee mit der Kinderoper «Brundibar», und – das bis heute unübertroffene Highlight für Daniel Winiger – eine Aufführung des Mozart-Requiems in der voll besetzten Kathedrale von Gent in Belgien. Winiger ist zuversichtlich, dass der Kinderchor noch lange weiterbestehen wird. Und sollte der Nachwuchs doch einmal versiegen, hat er Ideen, wie es trotzdem weitergehen könnte. Zum Beispiel mit einem halbprofessionellen Frauen-Kammerchor, den es in der Region noch nicht gibt.?(jä)

Die Proben des Kinderchors finden in Kaltbrunn, Uznach und Gommiswald statt. Interessierte Kinder können sich bei Kathrin Ryser, Telefon 055 280 41 86, melden.